Schlaglöcher und Weitsicht
Der Weg nach Hanoi

me@iq.org – JULIAN ASSANGE

5. Dezember 2006

Nachdem der Verführung beliebiger Latinos höhere politische Weihen verliehen wurden, scheint mir jeder, den ich treffe, auf den Spuren des jungen Che Guevara eine Motorrad-Abenteuerreise durch die Armut und Annehmlichkeiten Süd- und Mittelamerikas zu planen. Wer wollte es den Leuten auch verdenken? Doch gibt es noch viele andere Landstriche zu erkunden.

Im vergangenen Jahr fuhr ich mit meinem Motorrad auf der Autobahn am südchinesischen Meer entlang von Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon) nach Hanoi im Norden Vietnams.

Auf dem Weg nach Hanoi hatte ich mit derselben Besonderheit zu kämpfen wie alle anderen Fahrer um mich herum: Wir mussten ständig auf der Hut sein und alle paar Sekunden ausweichen, oder wir wären nicht lebend angekommen.

Die Autobahn nach Hanoi ist eine Hauptverkehrsader von großer wirtschaftlicher Bedeutung für Vietnam. Nichtsdestotrotz ist sie mit tausenden von Schlaglöchern übersät, von denen manche so groß sind wie Bombenkrater. In Vietnam wird man auf Schritt und Tritt an den »amerikanischen Krieg« erinnert, wie er hier heißt, und auf indirekte Weise taten das vielleicht auch diese Schlaglöcher.

Physikalisch gesehen hat ein Schlagloch eine interessante Geschichte. Es beginnt mit ein paar losen Steinen. Durch die Räder, die über sie fahren, reiben sich diese Steine aneinander und an ihrem Untergrund. Ihre Kanten werden abgeschliffen, und auch die Bodendelle, in der sie liegen, rundet sich durch ihr ständiges Mahlen. So werden die Steine zu Stößeln in dem Mörser einer Mulde. Kleinere Steinchen und Schotter rutschen in die Zwischenräume zwischen größeren Steinen und verstärken die Reibung. Das Loch wird größer und tiefer. Bald sind die kleinen Steine ganz zerrieben, doch werden in diesem Prozess immer größere Steine am zurückweichenden Rand des Lochs freigelegt. Die zunehmende Tiefe und Größe des Lochs absorbiert immer mehr Energie von den darüberfahrenden Fahrzeugen. Die Zerstörung der Straßenoberfläche beschleunigt sich, bis die Straße aufgegeben oder das Schlagloch gestopft wird.

Die Abnutzung einer Straße ist ein Prozess, der sich beschleunigt wie Karies. Ihr Gebrauchswert nimmt rapide ab, die Ausbesserungskosten steigen entsprechend. Wie im Fall der Zähne ist es effizienter, ein Schlagloch zu stopfen, sobald man es bemerkt.

Doch ist das Kriterium der Effizienz keine politische Maßeinheit, und bei nahezu allen Straßen der Welt ist es ein politischer Rückkopplungsprozess, der zur Beseitigung von Schlaglöchern führt.

In Gang gesetzt wird dieser Prozess durch das Verhalten von politisch einflussreichen Straßennutzern, die sich durch Negativerfahrungen mit Schlaglöchern veranlasst sehen, politisch aktiv zu werden.

Solange die Schlaglöcher noch klein sind, reicht ihr politischer Druck nicht aus, um den Widerstand anderer Interessengruppen zu überwinden, die mit ihnen um Arbeit und Ressourcen konkurrieren. Wie es ja auch nicht leicht ist, Menschen, die noch andere Interessen und Probleme in ihrem Leben haben, dazu zu bringen, zum Zahnarzt zu gehen, solange sie nicht unter Zahnschmerzen leiden. In beiden Fällen haben wir es mit einem Mangel an Wissen und seiner Quintessenz zu tun: Weitsicht.

Warum sollte uns das überraschen? Es überrascht, weil wir es gewöhnt sind, Staatsausgaben durch die Brille des wirtschaftlichen Nutzens zu sehen; eine Brille, die den politischen Prozess als einen Abkömmling des wirtschaftlichen zeigt. Dieser Sichtweise zufolge konkurrieren politische Kräfte um den Zugang zum Staatssäckel, weil sie ihren eigenen Nutzen mehren wollen. Und so konkurrieren beispielsweise militärische Aufklärung und Gesundheitswesen mit der Straßenwacht um finanzielle Mittel. Folglich sollten sie versuchen, die staatlichen Ausgaben für die Straßenwacht zu minimieren. Doch würden diese Ausgaben gerade dadurch minimiert, dass man Schlaglöcher unverzüglich stopft!

Weitsicht lebt von vertrauenswürdigen Informationen über den aktuellen Zustand der Welt, der kognitiven Fähigkeit, vorausschauende Schlüsse zu ziehen, sowie von einer wirtschaftlichen Stabilität, in die beides sinnvoll eingebettet ist. Nicht nur in Vietnam haben Geheimhaltung, Amtsmissbrauch und ungleiche Zugangsmöglichkeiten die erste Voraussetzung für Weitsicht (Wahrheit, und zwar so viel wie möglich) unterminiert.

Weitsicht kann zu Ergebnissen führen, bei denen alle großen Interessengruppen am Ende besser dastehen. Ebenso kann ein Mangel an Weitsicht oder eine idiotische Vorgehensweise praktisch alle Menschen schädigen.

Informatiker haben seit langem einen überzeugenden Spruch für die Abhängigkeit der Weitsicht von vertrauenswürdigen Informationen: »Garbage in, garbage out.« Wo man Müll reintut, kommt Müll heraus.

Aus der Geheimdienstkontrolle kennen wir den »Schwarze Kassen-Blues«. Doch dürfte diese Wendung amerikanischen Lesern unter dem Namen »Fox News-Effekt« vertrauter sein.

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