Ich freue mich sehr unter so vielen Menschen zu sein, die ich schätzen
kann. Ich glaube nicht, dass ich jemals in einem Raum mit so vielen
Menschen war, von denen ich glaube, dass sie meine Werte teilen. Das ist
wirklich eine außergewöhnliche Ehre und ich bin den Organisatoren sehr
dankbar, dass sie alle hier und mich eingeladen haben. In der ersten Reihe
sehe ich Anwar Ibrahim, den ich letztes Jahr in Malaysia, bei einer
Nachwahl der Opposition, getroffen habe. Gerade nachdem ich mit Anwar
gesprochen hatte, ein paar Stunden später am selben Abend, wurde ich von
der Geheimpolizei Malaysias festgehalten. Also seien Sie vorsichtig, wenn
sie mit ihm sprechen. Wir haben hier schon viel über die Probleme in den
Entwicklungsländern gehört und in der Arbeit, die ich gemacht habe, habe
ich sicher viele von diesen berücksichtigt und in der gesamten Galerie der
Schurkenstaaten wie China, Israel, Iran werden wir zensiert.

Dennoch möchte ich heute nicht allzu viel darüber reden, denn Zensur in
den westlichen Ländern ist ebenfalls ein Problem und Zensur im Westen wird
benutzt, um Zensur in anderen Ländern zu legitimieren. Missbräuche
aufklärerischer Ideale im Westen, die wir alle schätzen sollten, und der
Zerfall dieser Ideale, lassen westliche Länder nicht nur verarmen, sie
sind sogar Ausreden für schreckliche Missbräuche in anderen Ländern,
insbesondere den Ländern, die den Gesetzen des britischen Empires folgen.
Zum Beispiel wird der Missbrauch des Verleumdungsgesetzes in Afrika
benutzt, um sehr fähige Journalisten unter schwersten Bedingungen ins
Gefängnis zu sperren, basierend auf Präzedenzfällen des Vereinten
Königreichs. Also ich bin mir nicht sicher, wie viele Menschen hier mit
den Grundlagen meiner Arbeit vertraut sind. Ich werde einfach eine kurze
Übersicht geben, sodass Sie verstehen können wo ich herkomme.

Als Journalist und Programmierer und als Jemand, der mit am frühen
Internet beteiligt war, und daran, den Menschen das Internet näher zu
bringen und den Menschen dieses großartige Instrument für Information und
Publikationsfreiheit näher zu bringen, stellte ich auch fest, dass wir mit
ein bisschen Arbeit viele Reformen erreichen können. Und natürlich wissen
Sie das auch und erinnern Sie sich bitte an Solschenizyns Worte, dass „im
richtigen Moment, ein Wort der Wahrheit die ganze Welt überwindet“.

Solschenizyn bezog sich auf eine Welt aus Lügen. Aber es stimmt nach wie
vor für Informationen in der ganzen Welt und es stimmt auch für
Informationen im Westen: dass in manchen Fällen ein als geheim
klassifiziertes Video einen Krieg beenden könnte, und vielleicht fünfzig –
können es definitiv. Also versuchten wir ein System zu entwickeln, um
diesen Prozess zu automatisieren, um soviel neues Material, sensibles und
gesperrtes Material wie möglich zu bekommen – Material von dem wir
glaubten, es könne politische Reformen auslösen, in die
Geschichtsschreibung aufzunehmen und es dort aufzubewahren.

Wir sind in diesem Prozess Herausgeber der letzten Instanz geworden. Wir
sind in den letzten drei Jahren über 100 Mal gesetzlich angegriffen worden
und haben uns gegen die Klagen jedes Mal erfolgreich gewehrt indem wir ein
multinationales multijuristisches Netzwerk errichteten und indem wir nach
allen Regeln der Kunst getrickst haben, so wie die multinationalen
Konzerne tricksen, um Geld in Steuerparadiese zu schaffen. Statt Geld
schleusten wir Informationen durch verschiedene Länder, um die Vorteile
ihrer Gesetze zu nutzen, sowohl für die Veröffentlichungen als auch für
den Schutz unserer Quellen. Und dieses Bestreben, über eine Millionen
gesperrte Dokumente in die Geschichtsschreibung aufzunehmen die dort
vorher nicht waren, war erfolgreich. Das sind mehr Seiten an Information
als in der Wikipedia. Wir sind zu den intellektuellen Aufzeichnungen
vorgedrungen, die zuvor geheim waren.

Also wahrscheinlich erinnern Sie sich… – naja, vermutlich nicht, aber
ich bin sicher, Lech wird [sitzt im Publikum] – 1953, nachdem Stalin
gestorben war, wurde Beria, der Chef der NKVD, der Geheimpolizei,
plötzlich unbeliebt und exekutiert. Die große Enzyklopädie der Sowjetunion
hatte einen Eintrag über Beria, drei Seiten, und der Herausgeber schickte
eine Änderungsanordnung die besagte, der Eintrag müsse entfernt und durch
eine verlängerte Beschreibung der Beringstrasse ersetzt werden, das ist
dieses Gewässer zwischen Wladiwostock und Alaska. Dieses Stück Papier
gelangte in jede Bücherei und wurde in einigen Fällen von den
Bibliothekaren in die Sowjet-Enzyklopädie eingeklebt, in anderen Fällen
wurden die Seiten herausgerissen, aber es war jedesmal der Kleber noch
sichtbar. Im Westen ist das nicht mehr so, denn Wissensarchive liegen
zentral auf Computern. Die Archive des Guardian sind nur an einem Ort. Sie
sind nicht in Büchereien im Land verteilt, welche die Leute besuchen – sie
werden nur im Internet eingesehen (und) wegen des Urheberrechts werden sie
nicht kopiert und an verschiedenen Stellen im Internet gespeichert. Wenn
also etwas aus den Archiven verschwindet – aus den elektronischen Archiven
der westlichen Welt in die alle Informationen hinein wandern – ist es für
immer fort. Es hört nicht nur auf zu existieren, es hört auf, jemals
existiert zu haben. Wenn Sie auf die Webseiten gehen, die von westlichen
Zeitungen entfernt wurden, sehen Sie keine Risslinien, Sie sehen dann nur
„Page not found / Seite nicht gefunden“. Sie werden auch nichts im
Inhaltsverzeichnis finden.

Wir erreichen jetzt das Stadium aus Orwells Diktum, dem treffenden Diktum,
dass „derjenige, der die Gegenwart beherrscht, die Vergangenheit
beherrscht“. Derjenige, der die Internetserver beherrscht, beherrscht die
intellektuellen Aufzeichnungen der Menschheit. Indem er diese beherrscht,
beherrscht er unsere Wahrnehmung davon, wer wir sind. Und indem er diese
beherrscht, beherrscht er, welche Gesetze und Regeln wir für unsere
Gesellschaft bilden.

Ich würde gerne ein spezielles Beispiel geben – und es gibt davon viele,
viele Hundert die Ihnen ohne Zweifel gar nicht bewusst sind – von einem
prozessfreudigen Milliardär namens Nadhmi Auchi, zu einer gewissen Zeit
der fünf reichste Mann Englands, dessen „Geburtstagsbild“ von 146
Vertretern des House of Common unterschrieben wurde. Ein Mann mit sehr
guten Verbindungen: politischen Verbindungen, geschäftlichen Verbindungen,
Verbindungen zum Establishment des Vereinigten Königreichs. Dieser Mann
versuchte, unter Androhung von Rechtsschritten, Artikel über seine
Verurteilung wegen Korruption im „Elf-Aquitaine-Skandal“ in Frankreich
2003 verschwinden zu lassen. Und er drohte lediglich mit Rechtsmitteln, er
ging gar nicht vor Gericht. Der Guardian entfernte vier Artikel zu diesem
Thema aus seinen Archiven, die über fünf Jahre alt waren und teilte dies
seinen Lesern niemals mit. Sie wurden dort aus dem Index entfernt, wenn
man einen Link dorthin verfolgt, erscheint lediglich „Page not found /
Seite nicht gefunden“. Ebenso machte es die Times, ebenso machte es London
Independent, ebenso die großen Internetfirmen in den Vereinigten Staaten.
Das ist aber nur ein Beispiel eines prozessfreudigen Milliardärs, und
davon gibt es Hunderte. In Großbritannien gibt es zurzeit 300 geheime
Maulkorb-Erlasse. Das sind Erlasse die die Presse nicht nur daran hindern
über Korruption und Missbrauch zu berichten, sie hindern die Presse auch
daran, darüber zu berichten, dass sie erpresst wurde.

Das ist nicht die freiheitliche Demokratie von der wir alle geträumt
haben. Es ist ein sich unkontrolliert ausbreitendes, privatisiertes
Zensur-Regime. Und wie alles andere in der westlichen Welt, das
privatisiert und fiskalisiert wird, ist Zensur nicht nur ein Mechanismus,
der vom Staat angewendet wird. Es ist etwas, das von wohlhabenden
Plutokraten gekarpert werden kann, von großen Firmen, die die autoritären
Mechanismen des Staates und das juristische System benutzen, durch
ungleichen Zugang zum Rechtssystem, durch Vetternwirtschaft, um Material
aus der Geschichtsschreibung für immer zu entfernen.

Im Westen – und wir sind immerhin in Norwegen – sollten wir also nicht
allzu stolz auf unsere Meinung sein, es gäbe keine staatliche Zensur, denn
wir haben eine privatisierte staatliche Zensur. Es ist komplexer geworden,
nicht so offensichtlich. Es ist kein brutaler Hammer mehr. Es ist ein
hochentwickeltes Mittel, so wie Geldwäsche in der Karibik ein
hochentwickeltes Mittel ist, bei dem sich die Brutalität in seiner
Komplexität verbirgt.

Wenn wir zum Beispiel den Weg sehen, auf dem Länder wie die Vereinigten
Staaten – welche einst eine stolze Tradition der Pressefreiheit pflegten –
untergehen, müssen wir uns fragen, ob sie wirklich noch immer diese Werte
haben, und was wir dafür tun können. Denn, wenn wir keine westlichen
Länder mehr als Leuchttürme haben, die für aufklärerische Ideale stehen,
welche Länder sind dann noch übrig, die diese Werte vermitteln?

Wahrscheinlich erinnern Sie sich – diejenigen, die sich mit dem 2.
Weltkrieg auskennen – an den Spruch, der von den Nazis am Eingang der
Konzentrationslager angebracht wurde, dass „Arbeit frei macht“ – eine
Idee, die Himmler hatte, als er selbst im Gefängnis saß. Aber bei meinen
Untersuchungen der enthüllenden Dokumente, die viele Missbräuche durch das
US-Militär betreffen, welche auch die Hauptrichtlinien für Gefangenenlager
wie Abu Ghraib, Bagram und Guantanamo enthalten, sah ich Bilder von der
Vorderseite dieser Lager und ihrer Slogans. Also raten Sie bei welchem
Lager „Ehren-Band zum Schutz der Freiheit“ auf der Eingangsseite steht?
Der Schutz der Freiheit als moralischer Wert steht am Eingang von
Guantanamo Bay. Und ich sage, in einer Verdrehung der Wahrheit, dass
dieser Spruch noch schlimmer ist als „Arbeit macht frei“.

Und wir im Westen sollten uns dieser Verdrehung bewusst sein und uns
bewusst sein, dass die Allianz, die einst zwischen Liberalen, Liberalisten
und dem militärisch industriellem Komplex bestand, um den sowjetischen
Missbrauch während des Kalten Krieges entgegenzutreten, vorbei ist. Die
„Es-war-einmal-Leute“, die sich im Inland für aufklärerische Werte in
westlichen Gesellschaften eingesetzte haben, die einstanden für
Menschenrechte und Pressefreiheit im Inland in westlichen Ländern,
Liberale, Liberalisten und die Presse selbst – waren in stillschweigendem
Bündnis mit Kriegstreibern. Sie waren im stillschweigendem Bunde mit
Leuten, die die Sowjetunion lediglich aus geopolitischen Gründen
anfeindeten. Und diese Allianz also schwang die Moralkeule um die
Missstände und schweren Menschenrechtsverletzungen der Sowjetunion
bezüglich Zensur zu bestrafen. Dann aber 1991 hatte sich diese künstliche,
diese temporäre Allianz aufgelöst. Und jetzt haben wir eine Spaltung,
einen Rückschritt zurück zu einem anderen Standard, bei dem die
natürlichen Interessen der Autoritäten, die natürlichen Interessen der
Geheimdienste, die natürlichen Interessen des Militärs darin liegen,
Presseberichte über Missbräuche zu unterdrücken. Und das hat sich in
westlichen Ländern wieder durchgesetzt.

Wie liege ich in der Zeit? Genau richtig? Hervorragend. Ok.

Also, im größeren Rahmen gesehen, versuchen wir eine historische
Aufzeichnung zu machen, eine intellektuelle Aufzeichnung darüber, wie
Zivilisation in der Praxis funktioniert, jetzt, von innen, überall, in
jedem Land auf der Erde. Denn all unsere Entscheidungen – individuelle
Entscheidungen, unsere politischen Entscheidungen – basieren auf dem, was
wir wissen. Die Menschheit ist nichts, außer dem, was wir wissen und dem,
was wir haben. Und das, was wir haben, kann ausgetauscht werden und
zerfällt schnell. Und was wir wissen, ist alles und es ist unsere äußerste
Grenze dessen, was wir sein können. Bevor wir uns also für irgendein
spezielles politisches Strategem entscheiden, müssen wir zuerst wissen wo
wir sind, denn wenn wir nicht wissen wo wir sind, ist es unmöglich für uns
zu wissen, wohin wir gehen. Es ist zum Beispiel unmöglich Missbräuche zu
korrigieren, solange wir nicht wissen, dass sie passieren. Bitte denken
Sie an die Worte Machiavellis, denken Sie an sie im Negativen, als er
sagte: „Es geschieht in Staatsangelegenheiten, dass man schon von weitem
sieht, und dies gelingt nur dem klugen Mann, welches Unheil sich
entwickelt, und es kann leicht geheilt werden. Wenn aber mangels dieses
Wissens das Unheil weiter wächst, bis jeder es erkennen kann, gibt es
keine Möglichkeit mehr ein Gegenmittel zu finden.“

Es gibt normalerweise einen Grund warum geheime Pläne geheim sind; denn
wenn sie missbräuchlich sind, werden sie abgelehnt. Es ist deshalb unsere
Aufgabe geheime, missbräuchliche Pläne zu finden und sie dort öffentlich
zu enthüllen, wo man ihnen entgegentreten kann, bevor sie umgesetzt
werden. Denn wenn sie enthüllt werden, während sie umgesetzt werden,
während Menschen bereits darunter leiden, dann sind die Missbräuche schon
passiert und es ist zu spät.

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